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Advent 2015 Kreisverband München-Land

 

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Im Advent 2015

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Senioren-Union,

lassen Sie mich an den Anfang dieses Jahresendbriefs die Biophilie-Maxime nach Rupert Lay SJ, dem bedeutenden zeitgenössischen Philosophen, Theologen des Jesuitenordens, Hochschullehrer und Psychotherapeuten, stellen („Biophilie“ – nach Erich Fromm: „Liebe zum Leben“ oder „Liebe zu Lebendigem“):

„Handele so, dass du das personale (soziale, emotionale, musische,

sittliche, religiöse) Leben in dir und anderen eher mehrst

und entfaltest denn minderst und verkürzt.“

Wenn die obersten Repräsentanten des Staates und viele andere Repräsentanten der Funktions-, Macht- und Deutungseliten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ihre Weihnachts- und Neujahrsansprachen halten werden, wird ein Substantiv häufig, wenn nicht gar inflationär gebraucht werden: die „Herausforderung“. Von den „großen Herausforderungen“ wird die Rede sein, mit denen „wir“ im abgelaufenen Jahr konfrontiert wurden und die im kommenden Jahr „uns“ erreichen werden.

„Herausforderung“ ist hier ein Euphemismus, mit dem die Wirklichkeit verdrängt wird. Die Wirklichkeit ist, dass uns – dem Volk, den Völkern Europas – schwere Probleme buchstäblich auf die Füße gefallen sind, von außen hereingetragen und auch hausgemacht und das bereits über längere Zeit.

Am 13. November 2015 warf der islamistische Terror erneut die mörderische Brandfackel, die einer Kriegserklärung gleichkommt, mitten in die Stadt Paris, die als das Herz des freien aufgeklärten Europa gilt. Diese Untat traf nicht nur Paris, sondern auch uns an der europäischen Peripherie unverhofft. Aber eine Überraschung ist sie nicht. Wenn wir uns die Mühe machen und im Rückblick die koloniale und nachkoloniale Politik des 19. und 20. Jahrhunderts der westlichen Welt bis zur Gegenwart ansehen, kennen wir die Ursachen und die Verursacher.

Dem nicht genug. Die westliche Welt hat sich auch in ihrem Innern selbst genug Probleme geschaffen: den Verfall und Verlust von Werten in der globalisierten Wirtschaft, unter anderem die nicht abreißen wollende Serie an Skandalen in der Finanzwelt, diese Zins-, Steuer- und Wertpapiergaunereien und die dolosen Handlungen in Industrie, Handel und Dienstleistungen, fragwürdige Entscheidungen in der Politik, alles von noch nicht absehbarer Tragweite. Jetzt wird viel von „unseren“ Werten gesprochen, die verteidigt werden müssen. Es können aber nur die Werte verteidigt werden, die vorhanden sind.

                                                                                                                                        Die Ursachen haben wiederum ihre Ursachen in menschlichem Unvermögen und menschlichem Fehlverhalten in mannigfaltiger Ausprägung. Rupert Lay beschreibt dies nüchtern und beinahe verständnisvoll anmutend: „Nicht jede Unfairness, die Menschen Menschen antun, geschieht aus Bosheit oder Egoismus, sondern aus einem der folgenden Gründe: Menschen wähnen sich im Besitz ewig-gültiger Normen, zu deren Beachtung sie auch andere verpflichten. Menschen sind voll guten Willens, ohne jedoch über zureichende fachliche oder ethische Kompetenz zu verfügen."

Was folgt daraus? Auf diese Frage hat ein Jeder eine eigene Antwort. Mag sein, dass Rupert Lays Biophilie-Maxime dem einen oder andern zu abgehoben philosophisch erscheint angesichts der Krisen und Bedrohungen der Gegenwart. Nein, das ist sie nicht, weil die Biophilie-Maxime wesentlicher Bestandteil des christlichen Menschenbildes ist.

Dieses christliche Menschenbild ist die geistige Grundlage des freien und aufgeklärten Europa. Unabhängig davon, ob jemand an Gott glaubt oder nicht, zeichnet es den Menschen in Beziehung und Verantwortung zu sich selbst, zum Mitmenschen, zu den Mit-Geschöpfen, zur Umwelt und zum Sinnhorizont (Gott?). Und das christliche Menschenbild ist Leitbild des Handelns unserer Christlich Sozialen Union und ihrer Arbeitsgemeinschaften, zu denen die Senioren-Union gehört. Das christliche Menschenbild, immer wieder aufs Neue verinnerlicht, vermittelt die notwendige Besonnenheit, der Bedrohung durch das Töten und Zerstören als Selbstzweck mit geeigneten Mitteln zu begegnen und die Krisen der Gegenwart zu bewältigen.

Die Zivilgesellschaft, die wir sind, ist stärker als die Terrorgruppen. Voraussetzung ist, dass unser Staat die Kontrolle über das Staatsgebiet zurückgewinnt und behält. Und dass das gesetzte Recht in Deutschland und Europa wieder Geltung erhält und durchgesetzt wird.

Bitte verzeihen Sie mir diesen Gedankenflug zum Jahresende. Er hat seinen Anlass in dem, was wir alle zusammen in diesem abgelaufenen Jahr erlebt haben, erleben mussten. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien eine Ruhe vermittelnde Adventszeit und ein frohes Christfest. Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen allen Gottes reichsten Segen und die beste Gesundheit, verbunden mit den herzlichsten Grüßen

Ihr

Hanns Peter Wagner

Kreisvorsitzender

Kreisverband München-Land

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